I don’t believe in sex.

ÜBER DAS KONSTRUKT “SEX” UND GRENZÜBERSCHREITUNGEN

Trigger-Warnung: Es geht um Sex und es geht auch indirekt um körperliche Übergriffe und Grenzüberschreitungen.

Vielleicht noch eine zusätzliche Trigger-Warnung: Das hier wird ein Seelen-Striptease. Ich habe lange überlegt, ob ich meine Gedanken öffentlich machen soll, auf die Gegenfrage: “Warum nicht?” hatte ich keine Antwort.

Das Bedürfnis darüber zu schreiben ist ein aktueller Anlass.
Ich hatte heute Nacht einen unglaublich tollen Sextraum. Sex in meinen Träumen ist immer gut und immer fernab der Realität. Das sage ich, weil ich nicht glaube, dass so ein Sex für mich tatsächlich möglich ist. Nicht nur, weil ich als Trans*mann eh schon Probleme mit meinem Körperbewusstsein habe (ich sage nicht, dass das etwas transspezifisches ist, aber bei mir ist es so).

Im echten Leben war Sex eigentlich immer nur ein großer Akt des Versagens. Denn Sex ist nicht dazu gemacht, Kompromisse einzugehen, aber genau das scheint zwischenmenschlicher Sex irgendwie zu verlangen.
Wenn ich von Sex träume, ist es für mich wirklich etwas Schönes, etwas, was ich genießen kann. Egal wie es im Traum ist, oft fühle ich mich körperlich gut, meine Probleme lösen sich dadurch in Luft auf und ich erlebe etwas, was ich im realen Leben so tatsächlich niemals erleben kann. Es ist aber nicht immer so, es gibt auch Träume, in denen ist mein Körper so wie er ist und ich spüre im Traum auch Unbehagen, habe Angst, fühle mich verunsichert, etc… aber das wird irgendwie aufgehoben, durch die zwischenmenschliche Dynamik, die herrscht. Der Traum letzte Nacht war genau deswegen anders als jemals zuvor.

Ich habe das im realen Leben noch nie erlebt. Ich möchte niemandem absprechen guten, einvernehmlichen Sex haben zu können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Ich halte das für mich allerdings schlichtweg für utopisch. Alle meine Erfahrungen haben mir auch nichts anderes gezeigt. Es ist immer schlimmer geworden. Um so mehr sexuelle Erfahrungen ich (hauptsächlich in Partner_innenschaften) gesammelt habe, desto schlimmer wurde es und desto stärker wurde mein Bedürfnis einfach keinen Sex mehr zu haben.

Mein Körper steht auf Sex. Schon immer und nicht zu knapp. Und seit der Hormontherapie in einer noch viel unglaublicheren Dimension als ich mir jemals hätte vorstellen können. Mein Kopf hasst Sex (also den zwischenmenschlichen). Es ist wie eine negative Korrelation. Um so mehr mein Körper nach Sex lechzt, desto mehr hasse ich es, desto mehr beschließe ich, nie wieder irgendetwas zwischenmenschliches einzugehen und desto glücklicher bin ich über jeden Tag, der sexlos vorüberzieht. Es ist eine unerträgliche Situation, denn sie macht mich traurig. Aber allein der Gedanke daran meinem körperlichen Bedürfnis nachzugeben und eventuell mit jemandem zu schlafen bereitet mir Magenschmerzen und ein Gefühlswirrwarr aus Angst, Abneigung, Dysphorie und Panik.

Allein der Gedanke an Sex ruft bei mir automatisch die Auseinandersetzung mit schlechten Erfahrungen hervor. Nur im Traum nicht. Ich werde erinnert an all die grenzwertigen Erfahrungen, in denen ICH Kompromisse eingegangen bin. Was hab ich bloß alles mit mir machen lassen?! Im Vordergrund stand immer: “Das ist partner_innenschaftlicher Sex, du muss dich darauf einlassen, damit es klappt.” Was soll denn klappen? Ach ja, der Orgasmus. Wenn Mensch kommt, dann hat der Sex geklappt. Ich saß tatsächlich mal neben einer Person, die sagte: “Es ist nur Sex, wenn man auch einen Orgasmus hatte.” – “Oh gut zu wissen, dann hatte ich noch nie Sex.“. Es wurde gelacht. Aber das Problem wird offensichtlicher. Worum genau geht es denn tatsächlich? Ich finde, dass dieser partner_innenschaftliche Sex ein seltsames Konstrukt ist. Und Sex ist definitiv etwas konstruiertes, genau wie die Partner_innenschaft an sich oder die Suche nach der/dem Richtige_n und so ein Quark.
Die Vorstellung von Sex wird idealisiert. Der Ablauf wird quasi mechanisiert. Mein nicht-kommen wurde von einer Ex-Partnerin mal kommentiert mit: “Dann bin ich wohl nicht die Richtige für dich.” Dass sie damit Recht hatte, hatte mit meinem fehlenden Orgasmus herzlich wenig zu tun. Fassen wir das mal zusammen, wenn man die oder den “Richtigen” gefunden hat, dann kommt man auch. Aha. Es gibt ja auch Menschen, die da überhaupt gar kein Problem haben, das ist dann wohl der Freifahrtschein für Polyamorie.

Mir wurde bis auf wenige Ausnahmen immer nur klar gemacht, dass ICH mich irgendwie ändern muss, was den Sex betrifft. Dass meine Bedürfnisse nicht kompatibel sind, weil sie komische Regeln brechen und dass ich kommen können muss. Warum muss ICH denn kommen? Ach ja, weil die Partnerin sonst das Gefühl hat zu versagen. In meiner letzten Beziehung wurde das übrigens ganz eindeutig geäußert und klar gestellt: Nur ICH allein bin Schuld daran, dass ich nicht komme, sie selbst hatte noch nie Probleme jemanden zu befriedigen. Ich konnte das irgendwann nicht mehr hören. Ich übergebe mich jetzt fast noch, wenn ich daran denke. Mir war so etwas nie wichtig. Wenn ich wirklich das Bedürfnis der Befriedigung hatte, dann hab ich mir selbst geholfen. Mir persönlich ging es in zwischenmenschlichem Sex immer um körperliche Nähe, sonst um gar nichts. Das war mir damals irgendwie wichtig. Meine Erfahrungen haben mir aber etwas anderes gelehrt. Es geht bei Sex um Macht, Kontrolle, Besitz. Der Erfolg äußert sich dann in diesem Mysterium “Orgasmus, den dir jemand anderes beschert, obwohl er diese intrinsische Verbindung zu deinem Körper gar nicht hat”. Sex als Wettbewerb. Ein Orgasmus erzwingt plötzlich Leistungsdruck. Und das alles bei einer Sache, die ich immer mit Respekt, Vertrauen und Rücksicht verbunden habe. Ich will so etwas nie wieder erleben.

All meine fast ausschließlich negativen Erfahrungen mit Sex oder dem generellen Überschreiten von körperlichen Grenzen haben mir gezeigt, was für Strukturen hinter diesen ganzen Konstrukten stecken. Hinter “auf Parties rummachen”, “sich Toleranzgrenzen wegsaufen” “partner_innenschaftliche Pflichten erfüllen”, etc. Mir ist bewusst geworden, wie falsch ich mich selbst auch anderen gegenüber verhalten habe. Wie oft ich Fehlverhalten von anderen ertragen habe. Vor allem aber, was es wirklich heißt Kompromisse einzugehen und der/dem anderen etwas “zu Liebe” zu machen. Wie schrecklich selbstverachtend solche Gedanken sind wie: “Das ist doch meine Freundin, das ist schon okay, wenn ich das zulasse.” Was es überhaupt bedeutet “Nein”, sagen zu können und was passiert, wenn sogar ein “Ja” eigentlich “NEIN!” heißt, aber eine so große Angst mitspielt, die man zunächst gar nicht fassen kann. Man versucht Grenzüberschreitungen für sich selbst zu legitimieren. Außerdem musste ich auch einmal erleben, wie ein explizites “NEIN!“, einfach mal in Frage gestellt wurde und das Verneinte fast erzwungen wurde. Solche übergriffigen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie egoistisch Sexuelles sein kann und meist auch ist.

Kompromisse nehmen dem Sex meiner Meinung nach das Einvernehmliche. Und das ist das Fatale daran. Allein schon wenn es um ein “wie oft?” geht. Ich kenne viele Pärchen, die von Kompromissen sprechen. Das macht mich traurig und es macht mir Angst, dass noch viele Menschen mehr, wie ich, erst viel zu spät erkennen, dass körperliche Grenzen in vermeintlich einvernehmlich partnerinnen_schaftlichem Sex überschritten wurden/werden.

Ich sehe da für mich keine Lösung. Ich habe zu sehr Angst in alte Muster zu fallen und wieder Dinge zuzulassen, die ich eigentlich nicht ertragen kann. Gerade für mich ist Sex von vorne rein schon kompliziert genug. Und das ist mir der Aufwand gar nicht wert.
Das heißt aber eigentlich nicht, dass ich der “innigeren” Zwischenmenschlichkeit komplett entfliehen will.
Das große Problem liegt überhaupt aber im Umgang mit Sex an sich. Sex an sich wird in zwischenmenschliche Beziehungen manifestiert. Alle denken und finden, Sex gehört dazu, es ist ein Muss. Eine Pflicht. Kein Sex = Beziehung läuft scheiße. Oder auch “Kein Sex? Dann ist das ja nur eine Freund_innenschaft.” Das halte ich nicht nur für Schwachsinn, sondern auch für gefährlich. Sex zur partner_innenschaftlichen Pflicht zu erklären, schafft die Grundlage für die Überschreitung körperlicher Grenzen und führt zusätzlich dazu, dass Menschen, schon ohne den partner_innenschaftlichen Vorwurf, ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nicht mit ihrer/ihrem Partner_in schlafen.

Ich habe solche Gedanken aber leider auch. Ich denke oft, ich finde niemals wieder eine Partnerin bzw. kann niemals wieder eine Beziehung führen, weil ich keinen Sex haben kann (Körper) und keinen Sex haben will (Kopf). Das ist im Übrigen auch eine der häufigsten Fragen und geäußerten “Ängste” gewesen mit denen ich durch mein Outing konfrontiert wurde: “Wie willst du denn dann jemanden finden?” “Wie hast du denn Sex?” “Sex ist doch so wichtig und so toll!“…bla bla…kotz…etc.

Ich bin für mehr Bewusstsein für facettenreiche Beziehungsformen, die sich nicht den gesellschaftlichen Normvorstellungen beugen! Für mehr Mut “Nein” sagen zu können. Für mehr Awareness unter Freund_innen und vor allem auch in Beziehungen selbst, wenn es um Grenzüberschreitungen geht.  Und für weniger in Frage stellen, warum die_der Partner_in gerade keinen Sex will oder bestimmte Dinge nicht will oder auch gar keinen Sex will!

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