Warum bleibt es so schwer?

[Ich habe ewig nichts mehr gebloggt. Und dieser Text wird sehr lang. Vielleicht auch ein wenig chaotisch und leicht unstrukturiert. Aber ich habe sehr viele Gedanken und es gibt so viele Aspekte, die ich teilweise nur anreißen kann. Vielleicht überarbeitete ich diesen Text bei Zeiten noch einmal oder lasse ihn als Einleitung und schreibe zusätzliche Texte. Es gibt so viel, das gesagt werden muss…]

EINE KLEINE VORGESCHICHTE:

Ich bin jetzt knapp 3 Jahre auf Testosteron. Das bedeutet, ich habe schon einiges an Erfahrungen hinter mir.  Und die waren nicht immer alle berauschend. Aber das darf man eigentlich gar nicht sagen. Wer als trans*-Mensch den Weg der körperlichen Veränderungen einschlägt, der muss schlagartig zufrieden und glücklich sein. Jede kleinste Äußerung von Traurigkeit o.Ä. wird von außen als Zweifel gewertet. “Du müsstest doch der glücklichste Mensch der Welt sein!” ,”Bereust du etwa alles?!”
Äh, moment… was?!!!

Ich finde es wird immer schwierig sobald es um den Umgang von anderen Menschen mit dem Thema geht.
Dass nicht immer alles so leicht ist, beginnt direkt am Anfang. Niemand, der es nicht in irgendeiner Weise selbst erfahren hat, weiß, wie schwer es ist, Pronomen und/oder Namen einzufordern, die nicht der Wahrnehmung und/oder der Gewohnheit des Gegenüber entsprechen. Und nicht nur, dass man ständig damit konfrontiert wird, wie schwer die Umstellung für die armen Mitmenschen ist, denkt  kaum jemand mal daran, wie schwer das auch für einen selbst ist oder sein kann.
Ich habe mich selbst z.B. immer noch so richtig an meinen Namen gewöhnt… manchmal sage ich ihn laut und denke “Krass, so heiße ich? Offiziell sogar… auf allen meinen Dokumenten.”, das ist manchmal ein seltsames Gefühl… dann sage ich den Namen, mit dem ich 26 Jahre lang gerufen wurde und spüre Vertrautheit und denke “Zum Glück heiße ich so nicht mehr.”, das alles ist aufwühlend und anstrengend. Aber was sind schon 3 Jahre im Vergleich zu 26? Gewohnheit macht sehr viel aus. Deswegen habe ich auch Verständnis dafür, dass das Umfeld auch seine Zeit braucht.
Der Unterschied ist aber: Für mich fühlt sich mein Name ungewohnt, aber richtig an, mein alter Name gewohnt, aber falsch. Für manche Mitmenschen scheint es aber leider andersherum zu sein.

Wenn meine Mutter männliche Pronomen für mich benutzt, merke ich nach wie vor, wie schwer es ihr fällt. Es klingt nicht ehrlich. Und auch nach 3 Jahren rutscht ihr immer mal wieder ein “sie” über die Lippen. Sie korrigiert es auch nicht mal mehr. Wenn das passiert, verspüre ich eine Wut in mir, die ich kaum beschreiben kann. Warum genau, darauf geh ich noch ein.

Ich bin am selbstkritischsten. Ich fand das erste Jahr auf Testosteron sehr belastend. Das zweite Jahr war besser. Das dritte ist echt ganz okay. Es wird also besser. Das ist etwas gutes.
Es hat sehr lange gedauert bis ich Passing hatte (ich mag diesen Begriff nicht, aber ich benutze ihn hier), also bis man mich auschließlich als männlich wahrgenommen hat.
Im zweiten Jahr wurde es viel besser, man fing an mich als männlich wahrzunehmen; ich hab nur keine Zigaretten mehr ohne Ausweis bekommen und wurde gefragt, ob ich meine Schulferien genieße. Das kann ja mal ganz witzig sein, aber mit 28 auch nicht wirklich wünschenswert.
Mittlerweile sind fast 3 Jahre vergangen. Das ist eine lange Zeit und es ist viel passiert. Und wenn ich mittlerweile in den Spiegel gucke, sehe ich die Person, die ich innerlich bin. Ich sehe vielleicht nicht wie knapp 30 aus, aber es ist okay. Ich mache mir auch schon länger gar keine Gedanken mehr darüber “ob ich Passing habe”. Ich habe angefangen, endlich einfach sein zu können, wer ich bin. Und das eben auch unter Menschen. Naja… nicht ganz, leider nicht unter allen Menschen.

Um noch einmal auf meine Mutter und die Pronomen zu sprechen zu kommen. Was genau macht mich so rasend? Und zwar, dass ich nicht mehr weiblich aussehe. Kein bisschen. Ich habe auch eine sehr tiefe Stimme. Wenn ich in den Spiegel gucke und mich ansehe, wenn ich mich sprechen höre, etc., assoziiere ich nichts weibliches mehr in meiner Erscheinung. Und dass sie es tatsächlich immer noch tut, macht mich unglaublich wütend. Denn sie wehrt sich ja ganz offensichtlich dagegen, mich als männlich sehen zu können. Da nützt auch keine äußerliche Wahrnehmung.

GET OVER IT!:

Es ist aber nicht nur meine Mutter. Ich war gestern auf einer kleinen Cocktailparty von meiner Ex-Freundin. Das war meine bisher letzte Beziehung und ist jetzt ungefähr 5 Jahre her. Zum Ende der Beziehung habe ich mich bei ihr erstmals als trans geoutet.
Auf der Party gestern waren noch 2 gute Freund_innen von mir und die Freundin meiner Ex-Freundin; alle anderen kannte ich noch nicht. Es waren sehr viele lesbische Frauen da (ich erwähne das, weil das noch eine Rolle spielt).

Natürlich kam dann irgendwann die Frage auf, woher ich denn die Gastgeberin kenne. Meine Antwort war “Aus der Stadt, in der wir beide studiert haben.” Diese Antwort wäre nicht nur die Wahrheit, sondern auch völlig zufriedenstellend gewesen. Meine Ex-Freundin, die nicht weit weg stand, hörte sowohl die Frage als auch meine Antwort, schaute zu uns uns lachte verlegen. So nach dem Motto: “Ja das stimmt, aber da steckt ja noch viel mehr hinter unserer Verbindung.” Aber die Tatsache, dass wir mal zusammen waren, brachte sie nicht dazu verlegen zu lachen, sondern die Tatsache, dass ich mich auf die Nachfrage hin eigentlich als ihr Ex-FREUND outen könnte.
Auf Grund dieser Reaktion wurde dann natürlich weiter nachgehakt, was genau mich und die Gastgeberin verbindet, aber da nicht explizit nach einer Beziehung o.Ä. gefragt wurde, habe ich mich dann elegant aus dem Gespräch gewunden. Ich wollte keine Verwirrung stiften. Eigentlich wäre das Thema für mich dann abgeschlossen gewesen, aber nicht für meine Ex-Freundin.
Kurz darauf kam diese zu mir und fragte, ob ich denn jetzt aufgeklärt hätte, wer ich bin. Und damit meinte sie natürlich nicht nur, dass wir mal zusammen waren, sondern auch, ob ich klargestellt habe, dass ich ja eigentlich “ihre Ex-Freundin” bin. Die ganze Sache ging dann soweit, dass sie sich noch einmal mit der Person unterhalten hat und dann aufgeklärte, dass wir mal zusammen waren. Die Person sagte dazu: “Ach, kann ja mal passieren mit ‘nem Typen!”. Na dann ist ja jetzt alles gut, dachte ich. War es aber leider nicht. Meine Ex-Freundin kam dann noch einmal zu mir mit der Aufforderung, dass sie jetzt klargestellt hat, dass wir mal zusammen waren und der Rest jetzt meine Aufgabe ist. Was für ein Rest? Und wieso meine Aufgabe?
Sie wollte also, dass ich mich als trans* oute. Und damit klarstellen würde, dass ich ja dann eigentlich “ihre Ex-Freundin” bin.

Ich habe ihr gesagt, dass ich mich auf keinen Fall outen werde, ich kenne die Person(en) kaum und es ist absolut nicht relevant. Daraufhin fragte sie nach: “Aber darf ich das dann bei Zeiten mal aufklären?!”… Ich war gestern in der Situation sehr überfordert und sehr überrascht. Heute bin ich wütend und unglaublich enttäuscht. Wenn es für sie relevant ist, sagte ich, soll sie das machen. Ich sehe keine Relevanz, aber wenn sie Angst hat unter ihren lesbischen Freunden als “temporäre Hete” oder “nicht 100% lesbisch” zu gelten soll sie es ihren Freundinnen sagen.
Das fatale an ihrer Sichtweise ist, dass sie daran festhalten will, dass ich “mal eine Frau war”. Das ist aber falsch. Ich war keine “Frau”, die jetzt ein “Mann” ist. Ich war schon immer ich, auch wenn ich das alles damals in der Beziehung noch nicht wirklich benennen konnte. Und ja, ich bin ein Transmann und kein Cismann. Aber, wenn sie mich als Transmann outet… achso, ja dann können das natürlich alle verstehen, dann war sie ja auf keinen Fall mit einem Mann zusammen. Puh, dann ist sie ja doch lesbisch. Mein Gott. GET OVER IT!

Ich finde es schlimm, dass sie mich die ganze Zeit in ein Outing drängen wollte, nur damit sie keine “heterosexuelle Ex-Beziehung” am Hals hat. Und meine Verweigerung Menschen, die ich nicht kenne intime Dinge über mich unter die Nase zu reiben, wurde von ihr so dargestellt, als will ich etwas über mich verheimlichen, als stehe ich nicht zu dem, was ich bin oder zu meiner Vergangenheit. Dabei frage ich mich, wer hat denn hier das Problem zu dem zu stehen, mit mir zusammen gewesen zu sein?!  GET OVER IT, EY!!!

Es kam leider noch schlimmer. Anstatt es endlich mal gut sein zu lassen, sagte sie dann noch: “Aber für dich ist das ja gut! Sie hat ja keine Zweifel daran gehabt, dass du ein Mann bist.” Aha. Danke. Wow, sollte das ein Kompliment sein? Denn das heißt ja, dass sie darüber verwundert ist, dass andere nichts weibliches mehr an mir wahrnehmen. Genau wie meine Mutter. Ich bin für immer die Tochter und für immer die Ex-Freundin und da wird so verzweifelt dran festgehalten, das es mittlerweile echt schon eher lächerlich als traurig ist.

Natürlich war das damals in ihren Augen eine lesbische Beziehung und auch in gewisser Weise in meinen, bevor ich wirklich benennen konnte, was ich fühle und was mit mir los ist. Zudem hat sie selbst den Prozess miterlebt und reagierte damals noch mit folgendem Satz auf mein Outing: “Das macht für mich völlig Sinn und erklärt auch sehr viel an unserer Beziehungsdynamik.” 5 Jahre später soll ich mich aber bei ihren lesbischen Freundinnen als “ehemalige Frau” outen, damit sie ihr lesbisches Dasein wahren kann. Btw… ich bin übrigens auf Grund einer vorherigen Beziehung in der gleichen Situation und habe einen Ex-Freund. So what.
Ich finde übrigens auch nichts verwerfliches daran auf Grund solcher Situationen, in denen man von außen immer wieder in irgendwelche Kategorien gepackt wird, einfach auch mal Beziehungen, die Jahre zurückliegen und keine Relevanz für die Gegenwart haben, Vergangenheit sein zu lassen und als nicht erwähnenswert einzustufen. Muss man das denn ständig breit treten mit wem man mal zusammen war und mit wem nicht?
Ich schreibe hier in dem Kontext dieses Postings zwar immer von Ex-Partner_innen, aber ich bin mit all meinen Ex-Partner_innen befreundet und sehe sie alle als Freund_innen an und nicht als meine Ex-Partner_innen, auch wenn sie das natürlich sind.
Der Witz an diesem ganzen Theater gestern ist, dass die Frau, die gestern unbedingt wissen wollte, was mich und die Gastgeberin verbindet, erstmal total gut reagiert hat… “Kann ja mal passieren mit ‘nem Typen.”, klingt für mich nicht so als hätte meine Ex-Freundin ihren lesbischen Status verloren. Ob ich mittlerweile schon geoutet wurde, weiß ich nicht.

Ich habe eine so aufwühlende Zeit hinter mir, ich bin endlich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich ganz gut fühle, an dem ich mir nicht mehr so viele zermürbende Gedanken darüber machen muss, wie ich auf andere wirke, an dem ich anfange mich wirklich zu finden. Und dann werde ich auch noch nach 3 Jahren von außen mit Stagnation konfrontiert. Warum bleibt es so schwer? Und die eigentliche Frage ist, warum bleibt es so schwer für andere?

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