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Monthly Archives: June 2017

Ich möchte im folgenden Text nicht den Eindruck erwecken als gäbe es für mich entweder nur heterosexuell oder homosexuell, oder nur Männer und Frauen. Dass Sexualität genau wie Gender fließend sein kann, divers und komplex ist, steht völlig außer Frage. Zur Selbstfindung und zu dem Wunsch sich verständlich auszudrücken gehört aber manchmal auch das Herunterbrechen auf die einfachste Ebene.

Mit ca. 12 Jahren habe ich zum ersten Mal den Gedanken gehabt, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Den Gedanken fand ich ganz merkwürdig und hab ihn schnell wieder verworfen. Mit 15 bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich bisexuell bin. Mit 19 hatte ich meine erste Freundin und konnte mir überhaupt nicht mehr vorstellen, etwas mit einem Mann anzufangen. Mit 22 hatte ich dann doch meine erste Erfahrung mit einem heterosexuellen Mann. Das fand ich langweilig. Puh, also dann wohl wirklich lesbisch…!

Mit 25 habe ich mich zum ersten Mal als transsexuell geoutet. Eine Freundin fragte mich “Dann bist du ja gar nicht lesbisch, was bist du denn dann?” und ich sagte “Äh… ich weiß nicht, hetero?”. Nicht nur, dass es sich für mich total komische anfühlte, das zu sagen, ich erntete auch noch einen total entsetzten und abfälligen Blick.
Und damit begann dann mein Dilemma. Nicht nur, dass diese Frage in meinem ganzen Selbstfindungsprozess eine enorme Rolle spielte, mein Umfeld mischte sich ständig ein. Es folgten unzählige Diskussionen. Ob Transmenschen sich überhaupt als heterosexuell bezeichnen könnten. Menschen, für die es kristallklar war, dass ich schon immer ein heterosexueller Mann gewesen sein muss und keine lesbische Frau, also doch ganz “normal”, so irgendwie zumindest! Und ich hört auch von Transmännern, die nach der ersten Testosteron-Spritze plötzlich auf Männer standen und nicht mehr wie vorher auf Frauen. Zu guter Letzt saß ich dann in Therapiesitzungen, in denen ich die Superhete mimte, weil es erstens unkomplizierter war und ich mich selbst davon auch überzeugen wollte.

Dann begann die Hormontherapie. Das Umfeld wurde ruhiger, und innerlich brach in mir ein tobender Sturm der Verwirrtheit und Verzweiflung los. Ich merkte, wie ich mich durch die Vermännlichung immer weiter von meinem lesbischen Freundeskreis löste, ich gehörte irgendwie nicht mehr dazu. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als diese lesbische Identität loslassen zu müssen. Dieser Abnabelungsprozess war extrem schmerzhaft. Meine lesbische Identität war über all die Jahre ein Mittelpunkt in meinem Leben gewesen. Ich musste also anfangen mich an einer neuen Identität festzuhalten. Für mich war klar: Wäre ich als Mann geboren, dann wäre ich heterosexuell! Ich stehe nunmal auf Frauen und bin ein Mann, also bin ich auch heterosexuell! Das ist nun meine neue Identität!

Manch eine_r wird jetzt vielleicht denken: “Mein Gott, ist das denn so wichtig, sich in irgendwelche Kategorien einzuordnen?” Ich kann nur sagen: JA! und NEIN! Es geht weniger darum, sich in Schubladen zu packen, als viel mehr darum, sich seine eigene Identität selbst zu definieren und Wörter mit Inhalt zu füllen; dazu braucht es aber auch Begriffe, an denen man sich orientieren kann und die etwas aussagen, das jede_r verstehen kann. Ich finde es für mich persönlich wichtig Gefühle und Sehnsüchte benennen zu können, sich erklären zu können. Ich denke, dass Definitionen gerade für mich als transsexuellen Menschen einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ich verliere mich sonst. Es geht nicht um Einschränkungen, sondern um Klarheit für mich selbst.
Ich habe mich damals absolut damit identifizieren können, lesbisch zu sein. Für mich hieß lesbisch sein aber nicht einfach nur auf Frauen zu stehen. Denn ich habe tief in mir drin noch nie systematisch und kategorisch ausgeschlossen, dass ich mich vielleicht auch mal zu einem Mann hingezogen fühlen könnte. Ich konnte mich nie mit dem weiblich sein identifizieren, wohl aber mit dem lesbisch sein. Das war wie ein Anker für mich. Das unerschütterliche Fundament meiner queeren Identität, meiner Persönlichkeit, meiner linken politischen Haltung und natürlich meiner sexuellen Bedürfnisse. Und auf einmal fehlte mir das alles.

Für mich war doch klar, ich stehe auf Frauen. Warum also sollte es nicht genau so erfüllend für mich werden wie es vorher auch war? Ich lebe nun als Mann, der auf Frauen steht, so wie es doch immer sein sollte. Aber es erfüllte mich nicht mehr. Ich konnte mich einfach nicht wiederfinden in meinem “heterosexuellen” neuen Selbst. Ich fühlte mich zunehmend wohl in meinem Körper, zufriedener, aber all das neu gewonnene Selbstvertrauen zerbrach, wenn ich an romantische Interaktion mit Frauen dachte. Zudem wurde ich plötzlich unsichtbar. Das war ich vorher definitiv nicht. Plötzlich bekam ich von Frauen überhaupt keinerlei Rückmeldung und Beachtung mehr.
Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, in der ich zwei offensichtlich lesbischen/queeren Frauen begegnete, die mich einfach nicht beachteten. Ich kam mir plötzlich vor wie ein nerviger Typ, der die Lesben angafft, nur dass die beiden das nichtmal bemerkt haben. Das war bitter!

In den ersten Jahren der Transition verfestigte sich diese Sinnkrise um meine sexuelle Orientierung immer weiter. Und um die Frage danach, wer denn jetzt überhaupt in meinem Dating-Pool sein könnte/wollte. Ich fand mich immer öfter in Situationen wieder, in denen ich mich sogar schon damit abgefunden hatte, einfach allein zu bleiben und mich weiter abzukapseln. Diese Verzweiflung wechselte sich mit Versuchen ab doch in die online Dating-Welt einzutauchen. Ich habe nie wirklich jemanden kennengerlent. Es war von vornherein bei jedem Versuch erneut enttäuschend. Ich fand überhaupt keinen Zugang. Ich fühlte mich nicht wohl als “heterosexueller Mann” zu agieren. Und auch nicht offen als Transmann, der an Frauen interessiert  ist…

[Dieser Text wird aktuell überarbeitet!]

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