So gay!

Oder: Die Reise zu mir selbst
Oder auch: Über trans* und sexuelle Orientierung


Ich möchte mit all dem enormen Gebrauch an dichotomen/binären Begriffen im folgenden Text nicht den Eindruck erwecken als gäbe es für mich entweder nur heterosexuell oder homosexuell, oder nur Männer und Frauen. Dass Sexualität genau wie Gender fließend sein kann, divers und komplex ist, steht völlig außer Frage. Zur Selbstfindung und zu dem Wunsch sich verständlich auszudrücken gehört aber manchmal auch das Herunterbrechen auf die einfachste Ebene.

Okay. Ich weiß gar nicht so genau, wie und wo ich das Thema beginnen soll. Vielleicht einfach ganz vorne.

Mit ca. 12 Jahren habe ich zum ersten Mal den Gedanken gehabt, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Den Gedanken fand ich ganz merkwürdig und hab ihn schnell wieder verworfen. Mit 15 bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich bisexuell bin. Mit 19 hatte ich meine erste Freundin und konnte mir überhaupt nicht mehr vorstellen, etwas mit einem Mann anzufangen. Mit 22 hatte ich dann doch meine erste Erfahrung mit einem heterosexuellen Mann. Das fand ich langweilig. Puh, also dann wohl wirklich lesbisch…!

Mit 25 habe ich mich zum ersten Mal als transsexuell geoutet. Eine Freundin fragte mich “Dann bist du ja gar nicht lesbisch, was bist du denn dann?” und ich sagte “Äh… ich weiß nicht, hetero?”. Nicht nur, dass es sich für mich total komische anfühlte, das zu sagen, ich erntete auch noch einen total entsetzten und abfälligen Blick.
Und damit begann dann mein Dilemma. Nicht nur, dass diese Frage in meinem ganzen Selbstfindungsprozess eine enorme Rolle spielte, mein Umfeld mischte sich ständig ein. Es folgten unzählige Diskussionen. Ob Transmenschen sich überhaupt als heterosexuell bezeichnen könnten. Menschen, für die es kristallklar war, dass ich schon immer ein heterosexueller Mann gewesen sein muss und keine lesbische Frau, also doch ganz “normal”, so irgendwie zumindest! Und ich hört auch von Transmännern, die nach der ersten Testosteron-Spritze plötzlich auf Männer standen und nicht mehr wie vorher auf Frauen. Hä??!? Zu guter Letzt saß ich dann in Therapiesitzungen, in denen ich die Superhete mimte, weil es erstens unkomplizierter war und ich mich selbst davon auch überzeugen wollte.

Dann begann die Hormontherapie. Das Umfeld wurde ruhiger, und innerlich brach in mir ein tobender Sturm der Verwirrtheit und Verzweiflung los. Ich merkte, wie ich mich durch die Vermännlichung immer weiter von meinem lesbischen Freundeskreis löste, ich gehörte irgendwie nicht mehr dazu. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als diese lesbische Identität loslassen zu müssen. Dieser Abnabelungsprozess war extrem schmerzhaft. Meine lesbische Identität war über all die Jahre ein Mittelpunkt in meinem Leben gewesen. Ich musste also anfangen mich an einer neuen Identität festzuhalten. Für mich war klar: Wäre ich als Mann geboren, dann wäre ich heterosexuell! Ich stehe nunmal auf Frauen und bin ein Mann, also bin ich auch heterosexuell! Das ist nun meine neue Identität!

Manch eine_r wird jetzt vielleicht denken: “Mein Gott, ist das denn so wichtig, sich in irgendwelche Kategorien einzuordnen?” Ich kann nur sagen: JA! und NEIN! Es geht weniger darum, sich in Schubladen zu packen, als viel mehr darum, sich seine eigene Identität selbst zu definieren und Wörter mit Inhalt zu füllen; dazu braucht es aber auch Begriffe, an denen man sich orientieren kann und die etwas aussagen, das jede_r verstehen kann. Ich finde es für mich persönlich wichtig Gefühle und Sehnsüchte benennen zu können, sich erklären zu können. Ich denke, dass Definitionen gerade für mich als transsexuellen Menschen einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ich verliere mich sonst. Es geht nicht um Einschränkungen, sondern um Klarheit für mich selbst.
Ich habe mich damals absolut damit identifizieren können, lesbisch zu sein. Für mich hieß lesbisch sein aber nicht einfach nur auf Frauen zu stehen. Denn ich habe tief in mir drin noch nie systematisch und kategorisch ausgeschlossen, dass ich mich vielleicht auch mal zu einem Mann hingezogen fühlen könnte. Ich konnte mich nie mit dem weiblich sein identifizieren, wohl aber mit dem lesbisch sein. Das war wie ein Anker für mich. Das unerschütterliche Fundament meiner queeren Identität, meiner Persönlichkeit, meiner linken politischen Haltung und natürlich meiner sexuellen Bedürfnisse. Und auf einmal fehlte mir das alles.

Für mich war doch klar, ich stehe auf Frauen. Warum also sollte es nicht genau so erfüllend für mich werden wie es vorher auch war? Ich lebe nun als Mann, der auf Frauen steht, so wie es doch immer sein sollte. Aber es erfüllte mich nicht mehr. Ich konnte mich einfach nicht wiederfinden in meinem “heterosexuellen” neuen Selbst. Ich fühlte mich zunehmend wohl in meinem Körper, zufriedener, aber all das neu gewonnene Selbstvertrauen zerbrach, wenn ich an romantische Interaktion mit Frauen dachte. Zudem wurde ich plötzlich unsichtbar. Das war ich vorher definitiv nicht. Plötzlich bekam ich von Frauen überhaupt keinerlei Rückmeldung und Beachtung mehr.
Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, in der ich zwei offensichtlich lesbischen/queeren Frauen begegnete, die mich einfach nicht beachteten. Ich kam mir plötzlich vor wie ein nerviger Typ, der die Lesben angafft, nur dass die beiden das nichtmal bemerkt haben. Das war bitter!

In den ersten Jahren der Transition verfestigte sich diese Sinnkrise um meine sexuelle Orientierung immer weiter. Und um die Frage danach, wer denn jetzt überhaupt in meinem Dating-Pool sein könnte/wollte. Ich fand mich immer öfter in Situationen wieder, in denen ich mich sogar schon damit abgefunden hatte, einfach allein zu bleiben und mich weiter abzukapseln. Diese Verzweiflung wechselte sich mit Versuchen ab doch in die online Dating-Welt einzutauchen. Ich habe nie wirklich jemanden kennengerlent. Es war von vornherein bei jedem Versuch erneut enttäuschend. Ich fand überhaupt keinen Zugang. Ich fühlte mich nicht wohl als “heterosexueller Mann” zu agieren. Und auch nicht offen als Transmann, der an Frauen interessiert ist. Ich fand mich auch zu keiner Frau in irgendeiner Art mehr hingezogen und konnte mir das nicht erklären. Und plötzlich ertappte ich mich immer wieder dabei die Suchkriterien auf männliche Vorschläge umzustellen. Warum tat ich das? Ich wusste es nicht. Ich hatte einfach das Bedürfnis. Ein innerer Dialog begann: Ich bin einfach nur neugierig. // Vielleicht ist das auch einfach diese zweite Pubertät, Hormone halt. // Bin ich dann jetzt auf einmal schwul, oder was? // Also ich bin nicht schwul, ich steh definitiv nicht auf Männer. // Niemals kann ich mir eine Beziehung mit einem Mann vorstellen. // Also meine Mutter würde bei einem 3. Coming Out aber nun wirklich einen Schlaganfall kriegen. // Nee, Männer geben mir nichts, da würde mir was fehlen. // Ich schau sie mir nur an, weil sie ganz klar eine Art Vorbildrolle für mich einnehmen. // Ich wäre gerne wie der, oder nee wie der. // Oh man, was für ein Glück der hat, so würde ich auch gerne aussehen. // Ich bin nicht schwul. // Wow, der Typ ist aber echt attraktiv! // Ich glaube, ich hätte gerne einen Freund. // Vielleicht bin ich ja einfach bisexuell. // Nee, ich bin auch nicht bisexuell, das dachte ich mit 15., ich bin momentan wieder in so einer Art Pubertät, deswegen habe ich wieder diese Verwirrungen. // Ich erzähl auf keinen Fall irgendwem davon, dass ich mich für Männer interessiere. // Ich würde es so gerne jemandem erzählen. // Ich bin nicht schwul. // Das ist doch absoluter Quatsch! // Ich konnte das doch selbst nie nachvollziehen, wenn Transmänner sich nun als schwul identifizierten, obwohl sie vor der Transition auf Frauen standen! // Das macht doch alles gar keinen Sinn! // Ich finde die Männer hier alle viel interessanter als die Frauen. // Ich bin nicht schwul! // Definitiv nicht, alles gut, das war mal wieder nur eine Verwirrung! Ich dachte doch nicht ernsthaft, dass ich jetzt auf einmal auf Männer stehe. // Ich stand schon immer auf Frauen, deswegen bin ich als logische Konsequenz heterosexuell!
Und so ging das dann im Wechsel. Alle paar Monate bekam ich diese – ich nenne das jetzt ganz bewusst einfach mal – “schwule Phase”. Die wurde dann kurze Zeit darauf wieder abgelöst von der Überzeugung, dass ich jetzt einfach heterosexuell bin. Es gab immer nur die beiden Optionen, schwul oder hetero. Dieses Hin und Her wurde für mich dann zunehmend belastend. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Vielleicht sollte ich es einfach mal gut sein lassen, wieso denke ich eigentlich in so binären Kategorien? Ich wusste einfach nichts mehr. Ich wollte auch niemandem davon erzählen, weil ich Angst hatte, meinen Freund_innen zu erzählen, dass ich auf Männer stehe und das zwei Tage später wieder revidiere. Ich platzte innerlich. Mich einfach mit Begriffen wie pansexuell zufrieden zu geben, war mir zu schwammig, obwohl ich das Konzept mag. Aber es passte für mich einfach nicht und die Frage nach meiner sexuellen Orientierung beschäftige mich zu sehr.

Vor Kurzem hab ich meine Gedanken an Männer einmal mehr als Verwirrung abgetan. Diesmal mit einer Überzeugung, dass ich dachte, das hat sich nun endgültig erledigt und war nur “pubertär” bedingt. Und als wäre dies dann nur die Ruhe vor einem Sturm gewesen, kam es dann so stark zurück wie noch nie zuvor. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war, aber ich konnte zum ersten Mal einen ganz klaren Gedanken fassen, frei von all den Sorgen und Ängsten, die mich vielleicht auch davon abgehalten haben, mir eingestehen zu können, dass ich mich jetzt viel mehr zu Männern hingezogen fühle als zu Frauen. Und dieser Gedanke war schlicht und einfach: “Lass dieses Gefühl doch einfach mal komplett an dich ran ohne dich sofort zu wehren.” Falls es sich nicht gut anfühlt, ruder ich wie gewohnt zurück. Aber ich war neugierig darauf, was passiert, wenn ich den Gedanken einfach mal vollkommen annehme und diese Gefühle anerkenne. Und dann hat die Welle mich erfasst und die Angst dann keine Luft mehr zu kriegen, wich der Erkenntnis: ich kann unter Wasser atmen! Wow!
Ich musste das so metaphorisch umschreiben, denn es ist alles so aufregend und neu für mich und trotzdem so verdammt vertraut! Wenn ich im Wasser bin, fühl ich mich frei, geborgen und komplett. All die Last wird weggespült. So fühle ich mich jetzt auch. Und so habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt! Ich fühle mich angekommen. Mein innerer Konflikt, den ich vorher einfach nicht verstanden habe, machte jetzt Sinn: Ich bin einfach nicht heterosexuell.
spongi
Natürlich ist die Aussage viel zu einfach. Dass ich einfach nicht hetero bin ist nur die logische Konsequenz daraus, dass ich jetzt, da ich als Mann lebe und mich mit mir selbst und meinem Körper wohl fühlen kann, ganz offen auch meine Liebe zu Männern anerkennen kann. Es ist nicht umgekehrt, ich habe nicht beschlossen mich zu zwingen auf Männer zu stehen, damit ich homosexuell sein kann. Ganz im Gegenteil, ich habe die ganze Zeit versucht weiterhin Frauen anziehend zu finden, um eine heterosexuelle Beziehung führen zu können. So wie ein Teil meines Umfeldes es von mir erwartet hat und ich eine zeitlang auch selbst erwartet habe.
Diese Empfindungen waren/sind für mich wahnsinnig real: Als Frau wahrgenommen auf Frauen zu stehen und mit ihnen in Beziehungen oder beziehungsähnlichen Konstrukten zu agieren ist für mich ein enormer Unterschied als dabei als Mann wahrgenommen zu werden. Das gleiche gilt für die Interaktion mit Männern. Für mich macht es absolut Sinn, dass ich meine Zuneigung zu Männern vorher nicht ausleben konnte oder sie gar als langweilig empfand. Die Tatsache, dass ich meine Zuneigung zu Männern ausleben kann, weil ich mich nun endlich mit mir selbst wohlfühle, ist der Schlüssel zur Erkenntnis. Das ist die Antwort und darum geht es, diesen Weg konnte ich erst finden nachdem ich überhaupt erstmal bei mir selbst angekommen war.
Ich bin dennoch erstaunt, dass es so gekommen ist, noch vor 5 Jahren, bevor ich den Weg zu mir selbst begonnen habe, hätte ich damit wirklich niemals gerechnet.
Dass ich mich nicht systematisch und kategorisch komplett auf ein Geschlecht festlegen kann und will, habe ich weiter oben bereits erläutert. Aber jetzt kann ich diese nicht-heterosexuelle Identität, die sich für mich nun so gut und richtig anfühlt mit meiner eigenen Bedeutung füllen.

P.S.:
Schon bevor ich diesen Beitrag angefangen habe wusste ich, der braucht auf jeden Fall noch das gewisse Etwas an gay content und da fällt mir gerade niemand besseres ein als der wirklich extrem coole, gender-role-crushing Trevor Moran.

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