Von Bananen und Identität

Im Mai sind es 10 Jahre. 10 Jahre seitdem ich die Transition begonnen habe. Bei mir waren die Veränderungen so langsam, dass ich erst seit ca. zwei Jahren die großen Veränderungen wirklich sehe und dadurch allerdings erst bestimmte Wahrnehmungen und Denkprozesse angestoßen werden konnten. Ich habe letztens noch zu einer Freundin gesagt: “Um mich herum heiraten nun sogar meine queeren Freund*innen und ich will wieder über Gender diskutieren und Identität in Frage stellen!” Damit will ich nicht sagen, dass sich das eine und das andere ausschließen. Sondern, dass es diese Erwartungshaltung gibt, vom Umfeld an trans Personen, von trans Personen an sich selbst, irgendwann dann auch endlich mal “anzukommen”, so wie alle anderen ja auch. Ich weiß nicht, was genau das bedeuten soll. Ich weiß nur, dass dieser Zustand zumindest von mir nicht erreicht werden kann.

Ich finde das immer wieder wichtig zu erwähnen, dass ich hier rein subjektiv von meinen Erfahrungen und Gefühlen schreibe. Trans Menschen haben so unterschiedliche Geschichten und gerade deshalb, habe ich das Bedürfnis einen kleinen Teil von meiner zu erzählen. Und das will ich gerne wieder öfter machen.

Bananen sind für mich das beste Beispiel für Hassliebe. Denn wenn sie nicht den richtigen Reifegrad haben, finde ich sie geradezu ekelhaft. Sind sie perfekt reif, dann liebe ich sie. Dieser für mich perfekte Reifegrad befindet sich zwischen grüner und brauner Banane. Hinzu kommt, dass dieser perfekte Zustand, gefühlt nur 5 Minuten dauert. Aber in diesen fünf Minuten ist eine Banane ein wahrer Genuss. Genau so fühlt sich meine Transition an. Die ersten Jahre sah ich aus wie ein Teenie, dann habe ich mich mal kurz wohl gefühlt und jetzt habe ich kaum noch Haare auf dem Kopf, dafür aber auf den Schultern. Das schlimme ist, ich gehe einfach unter in einer Horde von heterosexuellen cis Männern. “Heterosexuell” im Übrigen nur deswegen, weil cis Heten i.d.R. von jedem Menschen einfach mal annehmen, dass dieser Mensch heterosexuell ist.

Als ich damals mit der Hormontherapie begonnen habe, dachte ich…:

  • ich will 100% Passing haben
  • da ich mich zu Frauen hingezogen fühle, bin ich jetzt heterosexuell
  • meine queere Vergangenheit bleibt ein Teil von mir, aber gehört nicht mehr zu meiner Zukunft

Leider bedeutet Passing auch, dass man eben, wie oben schon erwähnt, gnadenlos als heterosexueller cis Typ wahrgenommen wird.
Einer der schmerzhaftesten Aspekte meiner Transition ist der Verlust meiner Androgynität. Ich vermisse das sehr. Natürlich könnte ich hier auch mit gewissen “Hilfsmitteln” optisch Genderrollen sprengen, aber damals war ich einfach androgyn, ohne etwas zu tun, wonach ich mich gar nicht fühle, nur um anders wahrgenommen werden zu können. Ich könnte jetzt Make Up tragen oder Nagellack. Aber ich selbst fühl mich einfach nicht danach. Natürlich bin ich optisch nicht der “männlichste Mann” (was auch immer das heißt), aber es reicht halt aus für diesen Zustand, den ich ursprünglich immer so erstrebenswert fand. Jetzt ist er da und ich weiß nicht mehr so recht, was ich davon halten soll.

Die wichtigste und schönste Erkenntnis der letzten Jahre, in denen ich mich glücklicherweise völlig erfolglos dagegen gewehrt habe, ist, dass nicht nur meine Vergangenheit, sondern auch meine Gegenwart und meine Zukunft absolut queer ist! Ich war niemals heterosexuell und werde das zum Glück auch nie sein. Das gehört einfach nicht zu meiner Identität, unabhängig davon zu wem ich mich hingezogen fühle. Trotzdem hatte ich damals vor meiner Transition das Gefühl, dass ich viel einfacher meine queere Identität repräsentieren konnte. Und ich vermisse es manchmal sehr eine lesbische Frau zu sein. Das musste ich mir eingestehen. Das erschüttert aber meine Transmaskulinität nicht. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich mich und erkenn meine Männlichkeit, die schon immer ein Teil von mir war. Aber nach so vielen Jahren vermisse ich an manchen Tagen tatsächlich auch meine Weiblichkeit oder viel eher meine lesbische Identität? Gleichzeitig fühle ich mich weder männlich, noch weiblich.

Manchmal habe ich Angst, dass ich die Transition vielleicht nicht hätte machen sollen, weil ich die Erwartung an mich selbst hatte, dass ich jetzt eigentlich glücklich sein müsste und mich “angekommen” fühlen müsste. Aber das ist absoluter Quatsch. Außerdem ist alles, was ich über mich gelernt habe und noch lernen werde nur durch all die Erfahrungen auf diesem Weg möglich gewesen. Das war und ist essentiell. Und vor allem sind alles Teile von mir, die ich immer wieder neu ordnen muss. Ich bin queer, ich bin nicht-binär, ich fühle mich mal mehr als Mann, ich bin stealth in meinem spießigen Bürojob, mal vermisse ich tatsächlich meine Weiblichkeit, an manchen Tagen geht es mir nicht so gut wegen all dem und an anderen Tagen schreibe ich Texte wie diesen.

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