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Oder: Die Reise zu mir selbst
Oder auch: Über trans* und sexuelle Orientierung


Ich möchte mit all dem enormen Gebrauch an dichotomen/binären Begriffen im folgenden Text nicht den Eindruck erwecken als gäbe es für mich entweder nur heterosexuell oder homosexuell, oder nur Männer und Frauen. Dass Sexualität genau wie Gender fließend sein kann, divers und komplex ist, steht völlig außer Frage. Zur Selbstfindung und zu dem Wunsch sich verständlich auszudrücken gehört aber manchmal auch das Herunterbrechen auf die einfachste Ebene.

Okay. Ich weiß gar nicht so genau, wie und wo ich das Thema beginnen soll. Vielleicht einfach ganz vorne.

Mit ca. 12 Jahren habe ich zum ersten Mal den Gedanken gehabt, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Den Gedanken fand ich ganz merkwürdig und hab ihn schnell wieder verworfen. Mit 15 bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich bisexuell bin. Mit 19 hatte ich meine erste Freundin und konnte mir überhaupt nicht mehr vorstellen, etwas mit einem Mann anzufangen. Mit 22 hatte ich dann doch meine erste Erfahrung mit einem heterosexuellen Mann. Das fand ich langweilig. Puh, also dann wohl wirklich lesbisch…!

Mit 25 habe ich mich zum ersten Mal als transsexuell geoutet. Eine Freundin fragte mich “Dann bist du ja gar nicht lesbisch, was bist du denn dann?” und ich sagte “Äh… ich weiß nicht, hetero?”. Nicht nur, dass es sich für mich total komische anfühlte, das zu sagen, ich erntete auch noch einen total entsetzten und abfälligen Blick.
Und damit begann dann mein Dilemma. Nicht nur, dass diese Frage in meinem ganzen Selbstfindungsprozess eine enorme Rolle spielte, mein Umfeld mischte sich ständig ein. Es folgten unzählige Diskussionen. Ob Transmenschen sich überhaupt als heterosexuell bezeichnen könnten. Menschen, für die es kristallklar war, dass ich schon immer ein heterosexueller Mann gewesen sein muss und keine lesbische Frau, also doch ganz “normal”, so irgendwie zumindest! Und ich hört auch von Transmännern, die nach der ersten Testosteron-Spritze plötzlich auf Männer standen und nicht mehr wie vorher auf Frauen. Hä??!? Zu guter Letzt saß ich dann in Therapiesitzungen, in denen ich die Superhete mimte, weil es erstens unkomplizierter war und ich mich selbst davon auch überzeugen wollte.

Dann begann die Hormontherapie. Das Umfeld wurde ruhiger, und innerlich brach in mir ein tobender Sturm der Verwirrtheit und Verzweiflung los. Ich merkte, wie ich mich durch die Vermännlichung immer weiter von meinem lesbischen Freundeskreis löste, ich gehörte irgendwie nicht mehr dazu. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als diese lesbische Identität loslassen zu müssen. Dieser Abnabelungsprozess war extrem schmerzhaft. Meine lesbische Identität war über all die Jahre ein Mittelpunkt in meinem Leben gewesen. Ich musste also anfangen mich an einer neuen Identität festzuhalten. Für mich war klar: Wäre ich als Mann geboren, dann wäre ich heterosexuell! Ich stehe nunmal auf Frauen und bin ein Mann, also bin ich auch heterosexuell! Das ist nun meine neue Identität!

Manch eine_r wird jetzt vielleicht denken: “Mein Gott, ist das denn so wichtig, sich in irgendwelche Kategorien einzuordnen?” Ich kann nur sagen: JA! und NEIN! Es geht weniger darum, sich in Schubladen zu packen, als viel mehr darum, sich seine eigene Identität selbst zu definieren und Wörter mit Inhalt zu füllen; dazu braucht es aber auch Begriffe, an denen man sich orientieren kann und die etwas aussagen, das jede_r verstehen kann. Ich finde es für mich persönlich wichtig Gefühle und Sehnsüchte benennen zu können, sich erklären zu können. Ich denke, dass Definitionen gerade für mich als transsexuellen Menschen einen besonderen Stellenwert einnehmen. Ich verliere mich sonst. Es geht nicht um Einschränkungen, sondern um Klarheit für mich selbst.
Ich habe mich damals absolut damit identifizieren können, lesbisch zu sein. Für mich hieß lesbisch sein aber nicht einfach nur auf Frauen zu stehen. Denn ich habe tief in mir drin noch nie systematisch und kategorisch ausgeschlossen, dass ich mich vielleicht auch mal zu einem Mann hingezogen fühlen könnte. Ich konnte mich nie mit dem weiblich sein identifizieren, wohl aber mit dem lesbisch sein. Das war wie ein Anker für mich. Das unerschütterliche Fundament meiner queeren Identität, meiner Persönlichkeit, meiner linken politischen Haltung und natürlich meiner sexuellen Bedürfnisse. Und auf einmal fehlte mir das alles.

Für mich war doch klar, ich stehe auf Frauen. Warum also sollte es nicht genau so erfüllend für mich werden wie es vorher auch war? Ich lebe nun als Mann, der auf Frauen steht, so wie es doch immer sein sollte. Aber es erfüllte mich nicht mehr. Ich konnte mich einfach nicht wiederfinden in meinem “heterosexuellen” neuen Selbst. Ich fühlte mich zunehmend wohl in meinem Körper, zufriedener, aber all das neu gewonnene Selbstvertrauen zerbrach, wenn ich an romantische Interaktion mit Frauen dachte. Zudem wurde ich plötzlich unsichtbar. Das war ich vorher definitiv nicht. Plötzlich bekam ich von Frauen überhaupt keinerlei Rückmeldung und Beachtung mehr.
Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, in der ich zwei offensichtlich lesbischen/queeren Frauen begegnete, die mich einfach nicht beachteten. Ich kam mir plötzlich vor wie ein nerviger Typ, der die Lesben angafft, nur dass die beiden das nichtmal bemerkt haben. Das war bitter!

In den ersten Jahren der Transition verfestigte sich diese Sinnkrise um meine sexuelle Orientierung immer weiter. Und um die Frage danach, wer denn jetzt überhaupt in meinem Dating-Pool sein könnte/wollte. Ich fand mich immer öfter in Situationen wieder, in denen ich mich sogar schon damit abgefunden hatte, einfach allein zu bleiben und mich weiter abzukapseln. Diese Verzweiflung wechselte sich mit Versuchen ab doch in die online Dating-Welt einzutauchen. Ich habe nie wirklich jemanden kennengerlent. Es war von vornherein bei jedem Versuch erneut enttäuschend. Ich fand überhaupt keinen Zugang. Ich fühlte mich nicht wohl als “heterosexueller Mann” zu agieren. Und auch nicht offen als Transmann, der an Frauen interessiert ist. Ich fand mich auch zu keiner Frau in irgendeiner Art mehr hingezogen und konnte mir das nicht erklären. Und plötzlich ertappte ich mich immer wieder dabei die Suchkriterien auf männliche Vorschläge umzustellen. Warum tat ich das? Ich wusste es nicht. Ich hatte einfach das Bedürfnis. Ein innerer Dialog begann: Ich bin einfach nur neugierig. // Vielleicht ist das auch einfach diese zweite Pubertät, Hormone halt. // Bin ich dann jetzt auf einmal schwul, oder was? // Also ich bin nicht schwul, ich steh definitiv nicht auf Männer. // Niemals kann ich mir eine Beziehung mit einem Mann vorstellen. // Also meine Mutter würde bei einem 3. Coming Out aber nun wirklich einen Schlaganfall kriegen. // Nee, Männer geben mir nichts, da würde mir was fehlen. // Ich schau sie mir nur an, weil sie ganz klar eine Art Vorbildrolle für mich einnehmen. // Ich wäre gerne wie der, oder nee wie der. // Oh man, was für ein Glück der hat, so würde ich auch gerne aussehen. // Ich bin nicht schwul. // Wow, der Typ ist aber echt attraktiv! // Ich glaube, ich hätte gerne einen Freund. // Vielleicht bin ich ja einfach bisexuell. // Nee, ich bin auch nicht bisexuell, das dachte ich mit 15., ich bin momentan wieder in so einer Art Pubertät, deswegen habe ich wieder diese Verwirrungen. // Ich erzähl auf keinen Fall irgendwem davon, dass ich mich für Männer interessiere. // Ich würde es so gerne jemandem erzählen. // Ich bin nicht schwul. // Das ist doch absoluter Quatsch! // Ich konnte das doch selbst nie nachvollziehen, wenn Transmänner sich nun als schwul identifizierten, obwohl sie vor der Transition auf Frauen standen! // Das macht doch alles gar keinen Sinn! // Ich finde die Männer hier alle viel interessanter als die Frauen. // Ich bin nicht schwul! // Definitiv nicht, alles gut, das war mal wieder nur eine Verwirrung! Ich dachte doch nicht ernsthaft, dass ich jetzt auf einmal auf Männer stehe. // Ich stand schon immer auf Frauen, deswegen bin ich als logische Konsequenz heterosexuell!
Und so ging das dann im Wechsel. Alle paar Monate bekam ich diese – ich nenne das jetzt ganz bewusst einfach mal – “schwule Phase”. Die wurde dann kurze Zeit darauf wieder abgelöst von der Überzeugung, dass ich jetzt einfach heterosexuell bin. Es gab immer nur die beiden Optionen, schwul oder hetero. Dieses Hin und Her wurde für mich dann zunehmend belastend. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Vielleicht sollte ich es einfach mal gut sein lassen, wieso denke ich eigentlich in so binären Kategorien? Ich wusste einfach nichts mehr. Ich wollte auch niemandem davon erzählen, weil ich Angst hatte, meinen Freund_innen zu erzählen, dass ich auf Männer stehe und das zwei Tage später wieder revidiere. Ich platzte innerlich. Mich einfach mit Begriffen wie pansexuell zufrieden zu geben, war mir zu schwammig, obwohl ich das Konzept mag. Aber es passte für mich einfach nicht und die Frage nach meiner sexuellen Orientierung beschäftige mich zu sehr.

Vor Kurzem hab ich meine Gedanken an Männer einmal mehr als Verwirrung abgetan. Diesmal mit einer Überzeugung, dass ich dachte, das hat sich nun endgültig erledigt und war nur “pubertär” bedingt. Und als wäre dies dann nur die Ruhe vor einem Sturm gewesen, kam es dann so stark zurück wie noch nie zuvor. Ich weiß nicht genau, was der Auslöser war, aber ich konnte zum ersten Mal einen ganz klaren Gedanken fassen, frei von all den Sorgen und Ängsten, die mich vielleicht auch davon abgehalten haben, mir eingestehen zu können, dass ich mich jetzt viel mehr zu Männern hingezogen fühle als zu Frauen. Und dieser Gedanke war schlicht und einfach: “Lass dieses Gefühl doch einfach mal komplett an dich ran ohne dich sofort zu wehren.” Falls es sich nicht gut anfühlt, ruder ich wie gewohnt zurück. Aber ich war neugierig darauf, was passiert, wenn ich den Gedanken einfach mal vollkommen annehme und diese Gefühle anerkenne. Und dann hat die Welle mich erfasst und die Angst dann keine Luft mehr zu kriegen, wich der Erkenntnis: ich kann unter Wasser atmen! Wow!
Ich musste das so metaphorisch umschreiben, denn es ist alles so aufregend und neu für mich und trotzdem so verdammt vertraut! Wenn ich im Wasser bin, fühl ich mich frei, geborgen und komplett. All die Last wird weggespült. So fühle ich mich jetzt auch. Und so habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt! Ich fühle mich angekommen. Mein innerer Konflikt, den ich vorher einfach nicht verstanden habe, machte jetzt Sinn: Ich bin einfach nicht heterosexuell.
spongi
Natürlich ist die Aussage viel zu einfach. Dass ich einfach nicht hetero bin ist nur die logische Konsequenz daraus, dass ich jetzt, da ich als Mann lebe und mich mit mir selbst und meinem Körper wohl fühlen kann, ganz offen auch meine Liebe zu Männern anerkennen kann. Es ist nicht umgekehrt, ich habe nicht beschlossen mich zu zwingen auf Männer zu stehen, damit ich homosexuell sein kann. Ganz im Gegenteil, ich habe die ganze Zeit versucht weiterhin Frauen anziehend zu finden, um eine heterosexuelle Beziehung führen zu können. So wie ein Teil meines Umfeldes es von mir erwartet hat und ich eine zeitlang auch selbst erwartet habe.
Diese Empfindungen waren/sind für mich wahnsinnig real: Als Frau wahrgenommen auf Frauen zu stehen und mit ihnen in Beziehungen oder beziehungsähnlichen Konstrukten zu agieren ist für mich ein enormer Unterschied als dabei als Mann wahrgenommen zu werden. Das gleiche gilt für die Interaktion mit Männern. Für mich macht es absolut Sinn, dass ich meine Zuneigung zu Männern vorher nicht ausleben konnte oder sie gar als langweilig empfand. Die Tatsache, dass ich meine Zuneigung zu Männern ausleben kann, weil ich mich nun endlich mit mir selbst wohlfühle, ist der Schlüssel zur Erkenntnis. Das ist die Antwort und darum geht es, diesen Weg konnte ich erst finden nachdem ich überhaupt erstmal bei mir selbst angekommen war.
Ich bin dennoch erstaunt, dass es so gekommen ist, noch vor 5 Jahren, bevor ich den Weg zu mir selbst begonnen habe, hätte ich damit wirklich niemals gerechnet.
Dass ich mich nicht systematisch und kategorisch komplett auf ein Geschlecht festlegen kann und will, habe ich weiter oben bereits erläutert. Aber jetzt kann ich diese nicht-heterosexuelle Identität, die sich für mich nun so gut und richtig anfühlt mit meiner eigenen Bedeutung füllen.

P.S.:
Schon bevor ich diesen Beitrag angefangen habe wusste ich, der braucht auf jeden Fall noch das gewisse Etwas an gay content und da fällt mir gerade niemand besseres ein als der wirklich extrem coole, gender-role-crushing Trevor Moran.

[Ich habe ewig nichts mehr gebloggt. Und dieser Text wird sehr lang. Vielleicht auch ein wenig chaotisch und leicht unstrukturiert. Aber ich habe sehr viele Gedanken und es gibt so viele Aspekte, die ich teilweise nur anreißen kann. Vielleicht überarbeitete ich diesen Text bei Zeiten noch einmal oder lasse ihn als Einleitung und schreibe zusätzliche Texte. Es gibt so viel, das gesagt werden muss…]

EINE KLEINE VORGESCHICHTE:

Ich bin jetzt knapp 3 Jahre auf Testosteron. Das bedeutet, ich habe schon einiges an Erfahrungen hinter mir.  Und die waren nicht immer alle berauschend. Aber das darf man eigentlich gar nicht sagen. Wer als trans*-Mensch den Weg der körperlichen Veränderungen einschlägt, der muss schlagartig zufrieden und glücklich sein. Jede kleinste Äußerung von Traurigkeit o.Ä. wird von außen als Zweifel gewertet. “Du müsstest doch der glücklichste Mensch der Welt sein!” ,”Bereust du etwa alles?!”
Äh, moment… was?!!!

Ich finde es wird immer schwierig sobald es um den Umgang von anderen Menschen mit dem Thema geht.
Dass nicht immer alles so leicht ist, beginnt direkt am Anfang. Niemand, der es nicht in irgendeiner Weise selbst erfahren hat, weiß, wie schwer es ist, Pronomen und/oder Namen einzufordern, die nicht der Wahrnehmung und/oder der Gewohnheit des Gegenüber entsprechen. Und nicht nur, dass man ständig damit konfrontiert wird, wie schwer die Umstellung für die armen Mitmenschen ist, denkt  kaum jemand mal daran, wie schwer das auch für einen selbst ist oder sein kann.
Ich habe mich selbst z.B. immer noch so richtig an meinen Namen gewöhnt… manchmal sage ich ihn laut und denke “Krass, so heiße ich? Offiziell sogar… auf allen meinen Dokumenten.”, das ist manchmal ein seltsames Gefühl… dann sage ich den Namen, mit dem ich 26 Jahre lang gerufen wurde und spüre Vertrautheit und denke “Zum Glück heiße ich so nicht mehr.”, das alles ist aufwühlend und anstrengend. Aber was sind schon 3 Jahre im Vergleich zu 26? Gewohnheit macht sehr viel aus. Deswegen habe ich auch Verständnis dafür, dass das Umfeld auch seine Zeit braucht.
Der Unterschied ist aber: Für mich fühlt sich mein Name ungewohnt, aber richtig an, mein alter Name gewohnt, aber falsch. Für manche Mitmenschen scheint es aber leider andersherum zu sein.

Wenn meine Mutter männliche Pronomen für mich benutzt, merke ich nach wie vor, wie schwer es ihr fällt. Es klingt nicht ehrlich. Und auch nach 3 Jahren rutscht ihr immer mal wieder ein “sie” über die Lippen. Sie korrigiert es auch nicht mal mehr. Wenn das passiert, verspüre ich eine Wut in mir, die ich kaum beschreiben kann. Warum genau, darauf geh ich noch ein.

Ich bin am selbstkritischsten. Ich fand das erste Jahr auf Testosteron sehr belastend. Das zweite Jahr war besser. Das dritte ist echt ganz okay. Es wird also besser. Das ist etwas gutes.
Es hat sehr lange gedauert bis ich Passing hatte (ich mag diesen Begriff nicht, aber ich benutze ihn hier), also bis man mich auschließlich als männlich wahrgenommen hat.
Im zweiten Jahr wurde es viel besser, man fing an mich als männlich wahrzunehmen; ich hab nur keine Zigaretten mehr ohne Ausweis bekommen und wurde gefragt, ob ich meine Schulferien genieße. Das kann ja mal ganz witzig sein, aber mit 28 auch nicht wirklich wünschenswert.
Mittlerweile sind fast 3 Jahre vergangen. Das ist eine lange Zeit und es ist viel passiert. Und wenn ich mittlerweile in den Spiegel gucke, sehe ich die Person, die ich innerlich bin. Ich sehe vielleicht nicht wie knapp 30 aus, aber es ist okay. Ich mache mir auch schon länger gar keine Gedanken mehr darüber “ob ich Passing habe”. Ich habe angefangen, endlich einfach sein zu können, wer ich bin. Und das eben auch unter Menschen. Naja… nicht ganz, leider nicht unter allen Menschen.

Um noch einmal auf meine Mutter und die Pronomen zu sprechen zu kommen. Was genau macht mich so rasend? Und zwar, dass ich nicht mehr weiblich aussehe. Kein bisschen. Ich habe auch eine sehr tiefe Stimme. Wenn ich in den Spiegel gucke und mich ansehe, wenn ich mich sprechen höre, etc., assoziiere ich nichts weibliches mehr in meiner Erscheinung. Und dass sie es tatsächlich immer noch tut, macht mich unglaublich wütend. Denn sie wehrt sich ja ganz offensichtlich dagegen, mich als männlich sehen zu können. Da nützt auch keine äußerliche Wahrnehmung.

GET OVER IT!:

Es ist aber nicht nur meine Mutter. Ich war gestern auf einer kleinen Cocktailparty von meiner Ex-Freundin. Das war meine bisher letzte Beziehung und ist jetzt ungefähr 5 Jahre her. Zum Ende der Beziehung habe ich mich bei ihr erstmals als trans geoutet.
Auf der Party gestern waren noch 2 gute Freund_innen von mir und die Freundin meiner Ex-Freundin; alle anderen kannte ich noch nicht. Es waren sehr viele lesbische Frauen da (ich erwähne das, weil das noch eine Rolle spielt).

Natürlich kam dann irgendwann die Frage auf, woher ich denn die Gastgeberin kenne. Meine Antwort war “Aus der Stadt, in der wir beide studiert haben.” Diese Antwort wäre nicht nur die Wahrheit, sondern auch völlig zufriedenstellend gewesen. Meine Ex-Freundin, die nicht weit weg stand, hörte sowohl die Frage als auch meine Antwort, schaute zu uns uns lachte verlegen. So nach dem Motto: “Ja das stimmt, aber da steckt ja noch viel mehr hinter unserer Verbindung.” Aber die Tatsache, dass wir mal zusammen waren, brachte sie nicht dazu verlegen zu lachen, sondern die Tatsache, dass ich mich auf die Nachfrage hin eigentlich als ihr Ex-FREUND outen könnte.
Auf Grund dieser Reaktion wurde dann natürlich weiter nachgehakt, was genau mich und die Gastgeberin verbindet, aber da nicht explizit nach einer Beziehung o.Ä. gefragt wurde, habe ich mich dann elegant aus dem Gespräch gewunden. Ich wollte keine Verwirrung stiften. Eigentlich wäre das Thema für mich dann abgeschlossen gewesen, aber nicht für meine Ex-Freundin.
Kurz darauf kam diese zu mir und fragte, ob ich denn jetzt aufgeklärt hätte, wer ich bin. Und damit meinte sie natürlich nicht nur, dass wir mal zusammen waren, sondern auch, ob ich klargestellt habe, dass ich ja eigentlich “ihre Ex-Freundin” bin. Die ganze Sache ging dann soweit, dass sie sich noch einmal mit der Person unterhalten hat und dann aufgeklärte, dass wir mal zusammen waren. Die Person sagte dazu: “Ach, kann ja mal passieren mit ‘nem Typen!”. Na dann ist ja jetzt alles gut, dachte ich. War es aber leider nicht. Meine Ex-Freundin kam dann noch einmal zu mir mit der Aufforderung, dass sie jetzt klargestellt hat, dass wir mal zusammen waren und der Rest jetzt meine Aufgabe ist. Was für ein Rest? Und wieso meine Aufgabe?
Sie wollte also, dass ich mich als trans* oute. Und damit klarstellen würde, dass ich ja dann eigentlich “ihre Ex-Freundin” bin.

Ich habe ihr gesagt, dass ich mich auf keinen Fall outen werde, ich kenne die Person(en) kaum und es ist absolut nicht relevant. Daraufhin fragte sie nach: “Aber darf ich das dann bei Zeiten mal aufklären?!”… Ich war gestern in der Situation sehr überfordert und sehr überrascht. Heute bin ich wütend und unglaublich enttäuscht. Wenn es für sie relevant ist, sagte ich, soll sie das machen. Ich sehe keine Relevanz, aber wenn sie Angst hat unter ihren lesbischen Freunden als “temporäre Hete” oder “nicht 100% lesbisch” zu gelten soll sie es ihren Freundinnen sagen.
Das fatale an ihrer Sichtweise ist, dass sie daran festhalten will, dass ich “mal eine Frau war”. Das ist aber falsch. Ich war keine “Frau”, die jetzt ein “Mann” ist. Ich war schon immer ich, auch wenn ich das alles damals in der Beziehung noch nicht wirklich benennen konnte. Und ja, ich bin ein Transmann und kein Cismann. Aber, wenn sie mich als Transmann outet… achso, ja dann können das natürlich alle verstehen, dann war sie ja auf keinen Fall mit einem Mann zusammen. Puh, dann ist sie ja doch lesbisch. Mein Gott. GET OVER IT!

Ich finde es schlimm, dass sie mich die ganze Zeit in ein Outing drängen wollte, nur damit sie keine “heterosexuelle Ex-Beziehung” am Hals hat. Und meine Verweigerung Menschen, die ich nicht kenne intime Dinge über mich unter die Nase zu reiben, wurde von ihr so dargestellt, als will ich etwas über mich verheimlichen, als stehe ich nicht zu dem, was ich bin oder zu meiner Vergangenheit. Dabei frage ich mich, wer hat denn hier das Problem zu dem zu stehen, mit mir zusammen gewesen zu sein?!  GET OVER IT, EY!!!

Es kam leider noch schlimmer. Anstatt es endlich mal gut sein zu lassen, sagte sie dann noch: “Aber für dich ist das ja gut! Sie hat ja keine Zweifel daran gehabt, dass du ein Mann bist.” Aha. Danke. Wow, sollte das ein Kompliment sein? Denn das heißt ja, dass sie darüber verwundert ist, dass andere nichts weibliches mehr an mir wahrnehmen. Genau wie meine Mutter. Ich bin für immer die Tochter und für immer die Ex-Freundin und da wird so verzweifelt dran festgehalten, das es mittlerweile echt schon eher lächerlich als traurig ist.

Natürlich war das damals in ihren Augen eine lesbische Beziehung und auch in gewisser Weise in meinen, bevor ich wirklich benennen konnte, was ich fühle und was mit mir los ist. Zudem hat sie selbst den Prozess miterlebt und reagierte damals noch mit folgendem Satz auf mein Outing: “Das macht für mich völlig Sinn und erklärt auch sehr viel an unserer Beziehungsdynamik.” 5 Jahre später soll ich mich aber bei ihren lesbischen Freundinnen als “ehemalige Frau” outen, damit sie ihr lesbisches Dasein wahren kann. Btw… ich bin übrigens auf Grund einer vorherigen Beziehung in der gleichen Situation und habe einen Ex-Freund. So what.
Ich finde übrigens auch nichts verwerfliches daran auf Grund solcher Situationen, in denen man von außen immer wieder in irgendwelche Kategorien gepackt wird, einfach auch mal Beziehungen, die Jahre zurückliegen und keine Relevanz für die Gegenwart haben, Vergangenheit sein zu lassen und als nicht erwähnenswert einzustufen. Muss man das denn ständig breit treten mit wem man mal zusammen war und mit wem nicht?
Ich schreibe hier in dem Kontext dieses Postings zwar immer von Ex-Partner_innen, aber ich bin mit all meinen Ex-Partner_innen befreundet und sehe sie alle als Freund_innen an und nicht als meine Ex-Partner_innen, auch wenn sie das natürlich sind.
Der Witz an diesem ganzen Theater gestern ist, dass die Frau, die gestern unbedingt wissen wollte, was mich und die Gastgeberin verbindet, erstmal total gut reagiert hat… “Kann ja mal passieren mit ‘nem Typen.”, klingt für mich nicht so als hätte meine Ex-Freundin ihren lesbischen Status verloren. Ob ich mittlerweile schon geoutet wurde, weiß ich nicht.

Ich habe eine so aufwühlende Zeit hinter mir, ich bin endlich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich ganz gut fühle, an dem ich mir nicht mehr so viele zermürbende Gedanken darüber machen muss, wie ich auf andere wirke, an dem ich anfange mich wirklich zu finden. Und dann werde ich auch noch nach 3 Jahren von außen mit Stagnation konfrontiert. Warum bleibt es so schwer? Und die eigentliche Frage ist, warum bleibt es so schwer für andere?

Oder: Ein individueller Beitrag zu FLT*-Schutzräumen
[Das sind meine persönlichen Erfahrungen, ich bin weder ein Repräsentant für alle Trans*-Menschen und mir auch darüber bewusst, dass jeder FLTI*-Raum individuell gestaltet wird und meine Kritik somit nicht jedem dieser Räume gilt, trotzdem muss ich einige Dinge dringend ansprechen.]

Ich finde Schutzräume an sich gut und wichtig.
Aber warum sollte ich als Trans-Mann an dieser Veranstaltung teilnehmen? Geladen sind meist “Frauen, Lesben, Trans*” oder “Frauen, Lesben, Trans* und Inter*” oder “Frauen*“, die alle mitmeinen sollen. Aha. Mitmeinen? Das kommt mir irgendwie so bekannt vor… naja, egal. Darum geht es jetzt nicht…

Warum will ich nicht zu solchen Veranstalungen gehen?

Alle sind eingeladen, nur nicht die Cis-Männer. Die einzigen Menschen, die mich persönlich wegen meiner Transsexualität angegriffen und diskriminiert haben, waren lesbisch identifizierte Frauen*.
Warum sollte das also ein Schutzraum für mich sein?

Es ist ja nicht so, dass ich dieser Art von Räumen noch nie eine Chance gegeben habe.
Als ich reinkam, richteten sich auf der Stelle alle Blicke auf mich, man stand sofort auf und wollte mich wieder rausschmeißen. Warum? Weil auf meiner Stirn nicht geschrieben steht: “TRANS!”. Man blieb dann aber auf halbem Wege stehen, weil eine der Organisatorinnen (und gleichzeitig eine Freundin) auf mich zukam und mich umarmte. Wenn ich vom Klo wieder kam, sprangen alle wieder auf, blieben aber auf halbem Wege stehen, weil sie mich wiedererkannten. Warum haben sie mich diesmal nicht rausgeschmissen? Weil nun zumindest in ihren Köpfen auf meiner Stirn geschrieben stand: “TRANS!” Also durfte der, der aussieht wie ein Typ bleiben. Den Rest des Abends verbrachte ich mit einem weiteren Trans-Mann, weitab der restlichen Gesellschaft, wir wurden geduldet, aber trotzdem ausgeschlossen und oft genug mit Blicken gestraft. Warum? Keine Ahnung. Mit uns hat ja niemand gesprochen.

Ich frage mich immer, wie meine Ankunft an diesem Abend wohl gelaufen wäre, hätte ich niemanden dort gekannt.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich wäre tatsächlich nicht reingelassen worden oder ich hätte mich outen müssen, noch vor der Einganstür, am Besten noch mit tatsächlichen Cis-Männern in der Schlange hinter mir, damit ich vielleicht dann auch endlich mal von Cis-Männern blöd angemacht werde, weil ich rein darf und sie nicht. Oder sie wären aufmerksam gewesen, dann hätten sie einfach auch gesagt, dass sie trans sind. Ich persönlich hätte auch gar nicht gewusst, ob sie cis oder trans sind, ich weiß das eigentlich nie. Ich weiß das nur, wenn sich jemand outet oder vielleicht unter bestimmten Umständen, z.B. wenn der Trans-Mensch noch ganz am Anfang einer möglichen Transition steht. Das ist dann aber auch nur ein temporärer Zustand.
Fakt ist und bleibt, man kann Cis- und Trans-Menschen nicht einfach so optisch unterscheiden. Diese Äußerung ist und bleibt transphob, egal von wem.
Das traurige ist, dass viele Selbsterklärungen/Einladungen, etc. von und zu FLTI*-Veranstaltungen bezüglich der Integration von Trans-Menschen darauf aufbauen. Auf das nicht vorhandene Passing(*) von Transmenschen. Wer aussieht wie ein “Mann” darf nicht rein, denn dann wird er für cis gehalten. Das habe ich selbst erlebt. Und die Konsequenz daraus ist fatal, denn das heißt Cis-Männer sehen aus wie Männer und Trans-Männer sehen aus wie? Ja wie denn eigentlich? Frauen? Nichts-Halbes-Nichts-Ganzes?

FLTI*-Veranstaltungen sind für mich der allergrößte innerliche Kampf bezüglich meiner Transsexualität. Ich kann nicht einfach ich selbst sein, weil ich auf das trans-sein reduziert werde. Ich sehe aus wie ein Typ, deswegen wurde ich aus der vorhandenen Gesellschaft dort ausgeschlossen, durfte aber trotzdem rein, nur weil ich trans bin. Die Begründung dafür weiß ich nichtmal. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht nur wie “ein Typ” aussehe, sondern einer bin. ‘N Trans-Typ, aber ein Typ.
Vielleicht wäre es mir lieber gewesen, man hätte mich gar nicht erst reingelassen.

Ein Schutzraum für alle anderen wohl, aber für mich nicht.

P.S. Ich bin an jeglichem Austausch bezüglich FLTI*-Räumen interessiert.
Ansonsten noch der dringende Rat, holt euch Trans*menschen mit ins Orgateam!

(*) Passing ist für Trans-Menschen als das Geschlecht auch optisch von anderen wahrgenommen/gelesen zu werden, welches sich mit ihrer Geschlechtsidentität deckt.

ÜBER DAS KONSTRUKT “SEX” UND GRENZÜBERSCHREITUNGEN

Trigger-Warnung: Es geht um Sex und es geht auch indirekt um körperliche Übergriffe und Grenzüberschreitungen.

Vielleicht noch eine zusätzliche Trigger-Warnung: Das hier wird ein Seelen-Striptease. Ich habe lange überlegt, ob ich meine Gedanken öffentlich machen soll, auf die Gegenfrage: “Warum nicht?” hatte ich keine Antwort.

Das Bedürfnis darüber zu schreiben ist ein aktueller Anlass.
Ich hatte heute Nacht einen unglaublich tollen Sextraum. Sex in meinen Träumen ist immer gut und immer fernab der Realität. Das sage ich, weil ich nicht glaube, dass so ein Sex für mich tatsächlich möglich ist. Nicht nur, weil ich als Trans*mann eh schon Probleme mit meinem Körperbewusstsein habe (ich sage nicht, dass das etwas transspezifisches ist, aber bei mir ist es so).

Im echten Leben war Sex eigentlich immer nur ein großer Akt des Versagens. Denn Sex ist nicht dazu gemacht, Kompromisse einzugehen, aber genau das scheint zwischenmenschlicher Sex irgendwie zu verlangen.
Wenn ich von Sex träume, ist es für mich wirklich etwas Schönes, etwas, was ich genießen kann. Egal wie es im Traum ist, oft fühle ich mich körperlich gut, meine Probleme lösen sich dadurch in Luft auf und ich erlebe etwas, was ich im realen Leben so tatsächlich niemals erleben kann. Es ist aber nicht immer so, es gibt auch Träume, in denen ist mein Körper so wie er ist und ich spüre im Traum auch Unbehagen, habe Angst, fühle mich verunsichert, etc… aber das wird irgendwie aufgehoben, durch die zwischenmenschliche Dynamik, die herrscht. Der Traum letzte Nacht war genau deswegen anders als jemals zuvor.

Ich habe das im realen Leben noch nie erlebt. Ich möchte niemandem absprechen guten, einvernehmlichen Sex haben zu können, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Ich halte das für mich allerdings schlichtweg für utopisch. Alle meine Erfahrungen haben mir auch nichts anderes gezeigt. Es ist immer schlimmer geworden. Um so mehr sexuelle Erfahrungen ich (hauptsächlich in Partner_innenschaften) gesammelt habe, desto schlimmer wurde es und desto stärker wurde mein Bedürfnis einfach keinen Sex mehr zu haben.

Mein Körper steht auf Sex. Schon immer und nicht zu knapp. Und seit der Hormontherapie in einer noch viel unglaublicheren Dimension als ich mir jemals hätte vorstellen können. Mein Kopf hasst Sex (also den zwischenmenschlichen). Es ist wie eine negative Korrelation. Um so mehr mein Körper nach Sex lechzt, desto mehr hasse ich es, desto mehr beschließe ich, nie wieder irgendetwas zwischenmenschliches einzugehen und desto glücklicher bin ich über jeden Tag, der sexlos vorüberzieht. Es ist eine unerträgliche Situation, denn sie macht mich traurig. Aber allein der Gedanke daran meinem körperlichen Bedürfnis nachzugeben und eventuell mit jemandem zu schlafen bereitet mir Magenschmerzen und ein Gefühlswirrwarr aus Angst, Abneigung, Dysphorie und Panik.

Allein der Gedanke an Sex ruft bei mir automatisch die Auseinandersetzung mit schlechten Erfahrungen hervor. Nur im Traum nicht. Ich werde erinnert an all die grenzwertigen Erfahrungen, in denen ICH Kompromisse eingegangen bin. Was hab ich bloß alles mit mir machen lassen?! Im Vordergrund stand immer: “Das ist partner_innenschaftlicher Sex, du muss dich darauf einlassen, damit es klappt.” Was soll denn klappen? Ach ja, der Orgasmus. Wenn Mensch kommt, dann hat der Sex geklappt. Ich saß tatsächlich mal neben einer Person, die sagte: “Es ist nur Sex, wenn man auch einen Orgasmus hatte.” – “Oh gut zu wissen, dann hatte ich noch nie Sex.“. Es wurde gelacht. Aber das Problem wird offensichtlicher. Worum genau geht es denn tatsächlich? Ich finde, dass dieser partner_innenschaftliche Sex ein seltsames Konstrukt ist. Und Sex ist definitiv etwas konstruiertes, genau wie die Partner_innenschaft an sich oder die Suche nach der/dem Richtige_n und so ein Quark.
Die Vorstellung von Sex wird idealisiert. Der Ablauf wird quasi mechanisiert. Mein nicht-kommen wurde von einer Ex-Partnerin mal kommentiert mit: “Dann bin ich wohl nicht die Richtige für dich.” Dass sie damit Recht hatte, hatte mit meinem fehlenden Orgasmus herzlich wenig zu tun. Fassen wir das mal zusammen, wenn man die oder den “Richtigen” gefunden hat, dann kommt man auch. Aha. Es gibt ja auch Menschen, die da überhaupt gar kein Problem haben, das ist dann wohl der Freifahrtschein für Polyamorie.

Mir wurde bis auf wenige Ausnahmen immer nur klar gemacht, dass ICH mich irgendwie ändern muss, was den Sex betrifft. Dass meine Bedürfnisse nicht kompatibel sind, weil sie komische Regeln brechen und dass ich kommen können muss. Warum muss ICH denn kommen? Ach ja, weil die Partnerin sonst das Gefühl hat zu versagen. In meiner letzten Beziehung wurde das übrigens ganz eindeutig geäußert und klar gestellt: Nur ICH allein bin Schuld daran, dass ich nicht komme, sie selbst hatte noch nie Probleme jemanden zu befriedigen. Ich konnte das irgendwann nicht mehr hören. Ich übergebe mich jetzt fast noch, wenn ich daran denke. Mir war so etwas nie wichtig. Wenn ich wirklich das Bedürfnis der Befriedigung hatte, dann hab ich mir selbst geholfen. Mir persönlich ging es in zwischenmenschlichem Sex immer um körperliche Nähe, sonst um gar nichts. Das war mir damals irgendwie wichtig. Meine Erfahrungen haben mir aber etwas anderes gelehrt. Es geht bei Sex um Macht, Kontrolle, Besitz. Der Erfolg äußert sich dann in diesem Mysterium “Orgasmus, den dir jemand anderes beschert, obwohl er diese intrinsische Verbindung zu deinem Körper gar nicht hat”. Sex als Wettbewerb. Ein Orgasmus erzwingt plötzlich Leistungsdruck. Und das alles bei einer Sache, die ich immer mit Respekt, Vertrauen und Rücksicht verbunden habe. Ich will so etwas nie wieder erleben.

All meine fast ausschließlich negativen Erfahrungen mit Sex oder dem generellen Überschreiten von körperlichen Grenzen haben mir gezeigt, was für Strukturen hinter diesen ganzen Konstrukten stecken. Hinter “auf Parties rummachen”, “sich Toleranzgrenzen wegsaufen” “partner_innenschaftliche Pflichten erfüllen”, etc. Mir ist bewusst geworden, wie falsch ich mich selbst auch anderen gegenüber verhalten habe. Wie oft ich Fehlverhalten von anderen ertragen habe. Vor allem aber, was es wirklich heißt Kompromisse einzugehen und der/dem anderen etwas “zu Liebe” zu machen. Wie schrecklich selbstverachtend solche Gedanken sind wie: “Das ist doch meine Freundin, das ist schon okay, wenn ich das zulasse.” Was es überhaupt bedeutet “Nein”, sagen zu können und was passiert, wenn sogar ein “Ja” eigentlich “NEIN!” heißt, aber eine so große Angst mitspielt, die man zunächst gar nicht fassen kann. Man versucht Grenzüberschreitungen für sich selbst zu legitimieren. Außerdem musste ich auch einmal erleben, wie ein explizites “NEIN!“, einfach mal in Frage gestellt wurde und das Verneinte fast erzwungen wurde. Solche übergriffigen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie egoistisch Sexuelles sein kann und meist auch ist.

Kompromisse nehmen dem Sex meiner Meinung nach das Einvernehmliche. Und das ist das Fatale daran. Allein schon wenn es um ein “wie oft?” geht. Ich kenne viele Pärchen, die von Kompromissen sprechen. Das macht mich traurig und es macht mir Angst, dass noch viele Menschen mehr, wie ich, erst viel zu spät erkennen, dass körperliche Grenzen in vermeintlich einvernehmlich partnerinnen_schaftlichem Sex überschritten wurden/werden.

Ich sehe da für mich keine Lösung. Ich habe zu sehr Angst in alte Muster zu fallen und wieder Dinge zuzulassen, die ich eigentlich nicht ertragen kann. Gerade für mich ist Sex von vorne rein schon kompliziert genug. Und das ist mir der Aufwand gar nicht wert.
Das heißt aber eigentlich nicht, dass ich der “innigeren” Zwischenmenschlichkeit komplett entfliehen will.
Das große Problem liegt überhaupt aber im Umgang mit Sex an sich. Sex an sich wird in zwischenmenschliche Beziehungen manifestiert. Alle denken und finden, Sex gehört dazu, es ist ein Muss. Eine Pflicht. Kein Sex = Beziehung läuft scheiße. Oder auch “Kein Sex? Dann ist das ja nur eine Freund_innenschaft.” Das halte ich nicht nur für Schwachsinn, sondern auch für gefährlich. Sex zur partner_innenschaftlichen Pflicht zu erklären, schafft die Grundlage für die Überschreitung körperlicher Grenzen und führt zusätzlich dazu, dass Menschen, schon ohne den partner_innenschaftlichen Vorwurf, ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nicht mit ihrer/ihrem Partner_in schlafen.

Ich habe solche Gedanken aber leider auch. Ich denke oft, ich finde niemals wieder eine Partnerin bzw. kann niemals wieder eine Beziehung führen, weil ich keinen Sex haben kann (Körper) und keinen Sex haben will (Kopf). Das ist im Übrigen auch eine der häufigsten Fragen und geäußerten “Ängste” gewesen mit denen ich durch mein Outing konfrontiert wurde: “Wie willst du denn dann jemanden finden?” “Wie hast du denn Sex?” “Sex ist doch so wichtig und so toll!“…bla bla…kotz…etc.

Ich bin für mehr Bewusstsein für facettenreiche Beziehungsformen, die sich nicht den gesellschaftlichen Normvorstellungen beugen! Für mehr Mut “Nein” sagen zu können. Für mehr Awareness unter Freund_innen und vor allem auch in Beziehungen selbst, wenn es um Grenzüberschreitungen geht.  Und für weniger in Frage stellen, warum die_der Partner_in gerade keinen Sex will oder bestimmte Dinge nicht will oder auch gar keinen Sex will!